Die Power-Blume – Interview mit Jolina, 11 Jahre

Jan 2021

Die Oma von Jolina war drei Jahre lang an Darmkrebs erkrankt und ist im Februar 2020 im Alter von 52 Jahren verstorben. Jolina war zu diesem Zeitpunkt 10 Jahre alt. Das Oma / Enkeltochter Verhältnis war so untypisch und besonders, weil Jolina und ihre Mutter ein halbes Jahr nach der Trennung vom Vater des Kindes bei den Großeltern gelebt haben. Ebenfalls ist Jolina bis zu vier Mal in der Woche mittags zu ihren Großeltern gegangen, da ihre Mutter immer gearbeitet hat.

Lesen Sie hier das Interview, das unsere Familientherapeutin Carina Vorbohle mit Jolina führen durfte:

Carina, Familientherapeutin bei MENSCHENMÖGLICHES: 
Warum bist du zu uns gekommen, Jolina?

Jolina: 
Der Kinderarzt hat uns geraten, zu MM zu gehen. Ich hatte immer Bauchweh und wir haben uns gefragt, ob das mit der Krebserkrankung meiner Oma zu tun hat. Darüber haben wir dann bei MENSCHENMÖGLICHES geredet und jetzt habe ich nur noch selten Bauchschmerzen.

Carina: 
Was denkst du, warum Bauchweh mit Krebs zu tun haben kann?

Jolina: 
Genau weiß ich es auch nicht. Ich glaube, ich habe gespürt, dass etwas nicht in Ordnung ist obwohl meine Oma so getan hat, als wenn nichts sei. Mein Körper hat das wahrscheinlich dann in sich hineingefressen. Aber ich wollte meine Oma nicht auf dem direkten Weg fragen. Mit meiner Mutter habe ich auch nicht darüber gesprochen.

Carina: 
Warum hast du nicht mit Oma und Mama gesprochen?

Jolina: 
Weil ich nicht wusste, ob es stimmt und meine Mutter sollte sich nicht noch mehr Sorgen machen. Meine Mutter hat es mir am Ende geklärt. Sie wollte natürlich auch nicht, dass ich sauer auf sie bin, weil sie nicht mit mir gesprochen hat.

Carina: 
Was hat dir bei uns geholfen?

Jolina: 
Dass ich reden konnte. Einmal war meine Oma ja auch dabei. Ich habe ihre gesagt, dass sie mir nichts vorspielen soll und ich sowieso gemerkt habe, dass etwas nicht stimmt. Meine Oma war stolz auf mich, dass ich herausgefunden habe, dass etwas nicht stimmt und ab dann waren wir einfach ehrlich zueinander. Sie musste sich z.B. einmal hinlegen, weil es ihr nicht gut ging und hat mich dann gebeten, mit dem Hund rauszugehen.

Carina: 
Das Gespräch mit deiner Oma hier bei uns war ja ganz besonders. Deine Oma hat gesagt, dass sie dir nur Gutes tun wollte, indem sie nichts sagt. Sie wollte nicht, dass Du Dir Sorgen machst. Und dann habt ihr ja einen super Weg gefunden…Außerdem hast du ein Oma-Buch gestaltet. Magst du davon erzählen?

Jolina: 
Ja, mache ich. Wir haben hier ein Buch geschrieben z.B. darüber, was die Schwächen und Stärken meiner Oma sind und wie es ihr gerade geht. Als ich das Buch geschrieben habe, hat sie noch gelebt.

Carina: 
Ich fand es so beeindruckend, dass ihr euch so schön voneinander verabschiedet habt, obwohl die Oma noch gelebt hat. Das war wie ein Geschenk. (Jolina fängt an zu weinen)

Carina: 
Was sagen die Tränen gerade?

Jolina: 
Das sind Vermiss-Tränen.

Carina: 
Ja, hier kommt ja auch immer alles wieder so hoch wenn man darüber spricht und nachdenkt. Ich fand es ganz toll, dass du hier her gekommen bist und so mutig warst, mit fremden Menschen über deine Sorgen zu reden. Und dann hast du mir erzählt, dass du sogar mit einer Klassenkameradin darüber gesprochen hast und ihr erzählt hast, dass es gut tut, über seine Sorgen zu sprechen. Das finde ich richtig toll an dir.

Carina: 
Was würdest du anderen Familien empfehlen?

Jolina: 
Ich würde ihnen sagen, dass man mit anderen darüber reden soll wenn eine Person krank ist. Ich wollte das anfangs ja auch nicht. Es ist vielleicht auch besser, nicht mit einem Familienmitglied darüber zu sprechen, weil das ja auch traurig ist. Meine Mutter hat immer gesagt, dass sie mich versteht. Aber die meisten Menschen wussten ja gar nicht, worum es geht und warum ich traurig war. Wenn man entscheidet, über seine Sorgen zu sprechen sprudelt es plötzlich aus einem heraus und man ist froh, dass man darüber geredet hat.

Carina: 
Ich glaube, dass du die Stärke und Power deiner Oma geerbt hast. Als sie mit in der Einrichtung war, hat sie dir ja auch gesagt, wie wichtig du bist. Und als sie dann gestorben ist, wusstest du auch ganz genau, wie sie so war. (Jolina lacht und sagt „Glitzer glitzer glitzer“) Deshalb hast du ja auch eine Power-Blume gemalt. Deine Oma war eine richtig coole Frau. Was denkst du, wenn du die Blume ansiehst?

Jolina: 
Die Blume hängt an meinem Kleiderschrank. ich denke dann an alte Zeiten aber auch daran, dass die Blume mir Power gibt.

Carina: 
Ihr seid schon eine richtige Power-Familie. Danke für das tolle Interview.

 

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